Ein gemeinsamer Zuruf, eine Evokation von Ferdinand Schmatz für den Senat und das Rektorat der Angewandten: Kulturende.

15. Mai 2020

Wir Kultur- und Kunstarbeiterinnen sagen:  
Etwas stimmt nicht! Nebel liegt über dem Leben.
Dieses Sagen ist Teil unserer künstlerischen Arbeit des Beobachtens, Transformierens und Einbringens in die Gesellschaft:
Selbstkritik geht dieser Arbeit voraus, wir sind Schaffende, die Kunst als Praxis ausüben. Bestehende und auferlegte Normen und Verhaltensregeln überdenken, durchforsten, und wenn notwendig überschreiten wir. 
Dann hebt sich der Nebel. Kunst ist Elixier, Atmung.
Wir Kultur-und Kunstschaffende wissen aus unserer Praxis heraus, wie entscheidend es ist, auf grundlegende Mittel der Existenz zu bauen, gerade dann, wenn sie in Gefahr sind zu ersticken.
Die Kunst ist ein solches Nahrungs- und Lebens-Mittel.
Wir spüren und atmen einen erstickenden Nebel in der Zeit der Pandemie – die eine tatsächliche gesundheitliche Bedrohung darstellt. Aber auch einen für viele Einschränkungen und Verletzung der Grundrechte herhaltenden Topos. Der das damit verbundene und notwendige Sicherheitsdenken nur allzu leicht zum voreilenden Gehorsam verwandelt.
Dem folgen wir nicht! 
 
Der Verlust demokratischer Errungenschaften, für die über Jahrhunderte gekämpft und gestorben wurde, quer durch die gesellschaftlichen Bewegungen hindurch droht:
Also zeigen wir ihn auf und lösen damit ein, was uns in der Kunst unseres kritischen Drängens und Ausübens bestimmt:
Eine miteinander Werte aushandelnde Gemeinschaft, die das Individuelle schützt, um ein Miteinander zu gewährleisten: Als Antithese zur Abschottung im persönlichen wie kollektiven Raum. 
 
Kein kollektives Trauma darf entstehen – der Mensch ist auch ein Herdewesen, ja,  aber in der das Einzelne einzigartig bleiben muss.
Also heißt es die Weidegründe frei und immer wieder zu gestalten und neu zu bestücken. 
In kommenden Jahren wird die Kulturarbeit die Seele unserer Gesellschaft der Vielfalt sein, die nicht abgebaut werden darf.
Wir sind Arbeiterinnen, die ihr wertvolles Gut in die Gesellschaft einbringen wollen, auch wenn es oft verwandelt und unerwartet daherkommt.
Was jetzt daran zerstört wird, wird nachhaltig zerstört und schwer wieder repariert werden können.
 
Wir kämpfen deshalb für unsere Inhalte, die mit jenen der anderen gesellschaftlichen Felder korrespondieren. Die sich gegenseitig befruchten, verbreitern. Und somit Grenzen öffnen, die jede nationale Selbstherrlichkeit verabscheuen.
Was in diesem Raum ausgelöscht wird, ist ebenso nachhaltig verloren, wie das, was nicht eingebracht werden darf.
 
Die neue Normalität scheint ihn zu gefährden wie die alte. Wir brauchen beide nicht als Zuckerbrot und Peitsche, wir machen unsere Normalität, und die muss nicht genormt normal sein. 
Das Brot in unserem individuellen wie gemeinsamen Spiel ist herauszubildendes Grundnahrungsmittel. Das die künstliche produzierte Ware der Gleichschaltung besonders durch mediale Formen, die eine Abwesenheit des Körpers feiern, zerbricht.
Es darf bitter schmecken, wenn es geteilt wird, möglicherweise  und gemeinsam auch verworfen. Dann aber sollten die Mittel da sein, es wieder zu pflanzen.
Wir arbeiten an diesen Setzungen, aber ein grundlegendes Einkommen für alle, die da dabei sind, könnte helfen, die Wachsamkeit  für sich selbst und für anderen ohne auferlegte Maskenpflicht zu erkennen und zu wahren. Eine Unabhängigkeit, die nicht mit persönlichem Egoismus einhergeht.
 
Wir wollen ein allgemeines Grundeinkommen als Mittel der Unabhängigkeit mit dem Potential zur Selbständigkeit und Selbstbestimmung, das geknüpft wird an soziale Komponenten. 
 
So entstehen Werte einer „vita activa“, die immer wieder zu erarbeiten sind.
Wir fordern also keinen Separatismus der Kunst, aber die Autonomie künstlerischer Praxen.
Die mit den Institutionen, die sie genauso braucht wie diese sie, kooperiert. Aber wird erkannt, dass unsere Arbeit produktiv in der Mitte der Gesellschaft ihren Platz hat und ihn immer wieder zu finden hat?  
Aber in ihrer Freiheit frei sein muss, um auch diese und sich ständig zu verwandeln und stärken zu können.