Ausstellungseröffnung in der Universitätsgalerie der Angewandten: Leonor Antunes im Dialog mit Objekten von Designer*innen der Wiener Werkstätten

Die portugiesische Künstlerin setzt sich in der Schau „discrepancies with W.W. (in company)” mit Materialien und der Geschichte des (Wiener) Kunsthandwerks auseinander.
23.03.2026
Die Universitätsgalerie der Angewandten präsentiert die erste Einzelausstellung der portugiesischen Künstlerin Leonor Antunes in Wien. In discrepancies with W.W. (in company) setzt Antunes ihre eigenen künstlerischen Arbeiten in einen Dialog mit Werken von Designer*innen der Wiener Werkstätte und der ehemaligen k. k. Kunstgewerbeschule. Antunes’ Verwendung von Glasperlen, Seilen, Holz und Stahl resoniert mit den Materialitäten und dem Handwerk ausgewählter Objekte aus den Beständen von Kunstsammlung und Archiv.
Leonor Antunes’ Interesse an den historischen Entwicklungen und maßgeblichen Protagonist*innen der Kunst, des Handwerks, des Designs und der Architektur des 20. Jahrhunderts bildet den konzeptionellen Bezugsrahmen für ihre künstlerische Arbeit. Zugleich versteht sie ihre Arbeiten als Hommage an Designer*innen, die häufig übersehen oder marginalisiert wurden. Dies bildet den Hintergrund für ihre tiefgehenden Recherchen, die jedoch nicht auf einer historischen und theoretischen Ebene verbleiben, sondern einen engen Austausch mit professionellen Handwerker*innen umfassen, um neue Wege und Methoden für den Umgang mit bestimmten Materialien in ihren Kunstwerken zu entwickeln.

Antunes’ umfangreiches Wissen sowie ihr Archiv fließen in ihre eigenen Skulpturen und Installationen ein, in denen sie Materialien wie Seil, Holz, Leder und Messing integriert. Die Beschaffenheit eines Ausstellungsraums ist dabei für die Künstlerin von größter Bedeutung. Der Boden und die Decke sowie die Lichtquelle, sei sie natürlich oder künstlich, spielen eine ebenso große Rolle wie die ausgestellten Objekte. Antunes: „Ich glaube fest daran, dass Kunst in einem Kontext existiert, daher sehe ich meine Skulpturen nicht außerhalb der Räume, in denen sie existieren.“
In Bezug auf Wien hat sich Antunes in der Vergangenheit mit den Wiener Werkstätten und der österreichischen Malerin, Grafikerin und Textildesignerin Felice Rix-Ueno (1893–1967) beschäftigt. Bei ihrer Recherche in den Sammlungen der Angewandten konzentrierte sich Antunes auf Künstlerinnen und Designerinnen wie etwa Gudrun Baudisch, Rosa Bonom, Friedl Dicker-Brandeis, Mathilde Flögl, Lilly Jacobsen, Erika Giovanna Klien, Felice Rix-Ueno, Hilda Schmid-Jesser, Maria Strauss-Likarz, Margarete Schütte-Lihotzky oder Vally Wieselthier.

Für discrepancies with W.W. (in company) hat Antunes ein visuell vielschichtiges Ausstellungssystem entworfen, das kleinere Display-Inseln in den Räumen bildet. Grundlage hierfür ist ein Stuhl, der von der französischen Architektin und Designerin Charlotte Perriand (1903–1999) nach einem Arbeitsaufenthalt in Japan in den frühen 1940er-Jahren entworfen wurde. Damit verweist Antunes auch auf die Verbindung zwischen japanischem Kunsthandwerk und der Wiener Werkstätte, der unter anderem Felice Rix-Ueno bis 1930 angehörte. Rix-Ueno war sowohl in Kyoto als auch in Wien tätig.

Aus Holzelementen konstruiert, ist Antunes’ Ausstellungssystem potenziell anpass- und erweiterbar. Die alltägliche Funktion des Stuhls als Sitzgelegenheit wird dabei in einen Sockel und eine Aufhängevorrichtung umgewandelt. Weitere Ausstellungselemente sind Tatami-Matten, die die Künstlerin integriert oder zu einem geometrischen Podest arrangiert. Auf diesen modularen Flächen ausgestellt sind von der Künstlerin ausgewählte Sammlungsobjekte, wie etwa Gefäße aus Keramik und Textilien mit geometrischen Mustern. Ihre eigenen Arbeiten setzt sie dazu ins Verhältnis. Zu sehen sind unter anderem Skulpturen aus der Serie „Sophie” (2024), die ihre Inspiration in Zeichnungen, Perlentaschen und Halsketten der Schweizer Künstlerin und Designerin Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) finden sowie „Felice and Charlotte“ (2025), die sich auf Rix-Ueno und Perriand beziehen. Verschachtelte, geometrisch gemusterte Glasperlenstränge unterschiedlicher Farbe, Dicke und Länge verflechten sich mit vertikalen weißen Stahlstangen bzw. schmalen länglichen Hölzern.

Antunes’ übergeordnetes Ziel für ihre Ausstellung „discrepancies with W.W. (in company)” ist es, ihre eigenen künstlerischen Arbeiten mit bestimmten Objekten aus Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst Wien in einen Dialog zu bringen und dabei das insgesamt eigenwillige Interieur der ehemaligen Prälatur im Heiligenkreuzerhof zu berücksichtigen. Hier treffen mehrere, sehr spezifische Ebenen von Zeitlichkeit, Form und Materialität aufeinander und regen zum Nachdenken über die Codes der Darstellung und des Häuslichen, über Modernismus und Abstraktion, Zeitgenossenschaft und Synchronizität an. Leonor Antunes beansprucht damit für sich eine interdisziplinäre Freiheit, die sie bereits in den wegweisenden künstlerischen Praktiken des frühen 20. Jahrhunderts findet.

Dank für die Leihgaben und die großzügige Unterstützung gilt Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst Wien sowie den Galerien Kurimanzutto, Mexico City und New York, Marian Goodman Gallery, Paris und New York, und Taka Ishii Gallery, Tokyo und Kyoto.

Biografie der Künstlerin
Leonor Antunes (geb. 1972 in Lissabon, Portugal; lebt und arbeitet in Lissabon und Berlin) studierte zunächst an der Escola Superior de Teatro e Cinema in Lissabon. 1993 schloss sie ihr Studium der Bildenden Kunst und Bildhauerei an der Fakultät für Bildende Kunst der Universidade de Lisboa ab und ging 1998 an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, Deutschland. Ihre Arbeiten wurden weltweit in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Ihre jüngste Einzelausstellung war „the constant inequality of leonor’s days*” im CAM-Centro de Arte Moderna Gulbenkian, Lissabon, Portugal in 2025. Antunes gestaltete den portugiesischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, Italien im Jahr 2019 und nahm an der Sharjah Biennale, Vereinigte Arabische Emirate (2015) und der 8. Berlin Biennale (2014) teil.

Details zur Ausstellung:
Leonor Antunes 
discrepancies with W.W. (in company)

Kuratiert von Julienne Lorz

26. März – 4. Juli 2026
Eröffnung: 25. März 2026, 18:00
Universitätsgalerie der Angewandten, Refektorium
Heiligenkreuzerhof, Stiege 8, 1. Stock, 1010 Wien
Zugang über Schönlaterngasse 5 / Grashofgasse 3, 1010 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch–Samstag, 14.00–18.00
An Feiertagen geschlossen. Eintritt frei.

Details zum Begleitprogramm: universitaetsgalerie.dieangewandte.at
Ausstellungsansicht,
                                          On the persistent inequality of leonor’s days*. Centro de Arte Moderna Gulbenkian, Lissabon, Portugal. Foto: Nick Ash, 2024. Download