Sediments of Union
Die Angewandte beim Europäischen
Forum Alpbach
Die diesjährige Ausstellung der Universität für Angewandte
Kunst Wien beim Europäischen Forum Alpbach zeigt Arbeiten von Studierenden und Lehrenden der von Brigitte Kowanz geleiteten
Klasse für »Transmediale Kunst«. Konflikt und Kooperation, das Generalthema des Europäischen Forum Alpbach 2017, ist
auch in der Kunst ein zentrales Thema - nicht nur zwischen den im System Kunst agierenden Personen und Institutionen.
Die Kunst selbst, die ja als solche erst in intellektueller, sensueller und emotionaler Beziehung
zu RezipientInnen entsteht, initiiert und formatiert Konflikt und Kooperation durch deren Rezeption. Die Auseinandersetzung
mit dem Kunstwerk eröffnet den RezipientInnen Felder für Konflikt und Kooperation einerseits auf der intrinsischen Ebene,
also Konflikt mit sich selbst und seinen eigenen Haltungen, die oft genug erst über die Kunst einer Reflexion unterzogen werden,
sowie Kooperation im Sinne der inneren Abwägung und Verhandlung eigener, untereinander nicht immer kompatibler Werteskalen.
Andererseits kommuniziert Kunst, wie Herbert Marcuse sagte, auch Wahrheiten, die sonst in keiner anderen Sprache kommunizierbar
sind. Dadurch ist sie auch in der Lage, soziale Prozesse auf eine Art in Gang zu setzen, die Konfliktlinien decouvriert und
dennoch Raum für konstruktives Handeln, für Kooperation schafft; weil die Kunst zwar Behauptungen aufstellt, diese aber nichts
Abschließendes, Endgültiges an sich haben, sondern zur Auseinandersetzung, zur Kommunikation einladen und auffordern.
Das Prinzip der Kunst ist jenes der Offenheit, bei der die einem Kunstwerk innewohnende Wirkungsmacht erst in der Beschäftigung
mit ihm Stärke und Richtung erhält. Kunst wird definiert durch Ambiguität. Im Umgang mit ihr lernt man den Umgang mit Mehrdeutigkeit
und Unsicherheit - eine Qualifikation, die heute notwendiger denn je erscheint, wo allerorten Demagogen und Populisten dem
Volk weismachen wollen, komplexe Probleme mit einfachen und eindimensionalen Antworten lösen zu können.
Gerade
unsere Wissensgesellschaft, die trotz des dramatisch gestiegenen Volumens an digital gespeichertem und theoretisch verfügbarem
Spezialwissen immer weniger in der Lage scheint, die drängenden und hochkomplexen Herausforderungen unserer Zeit in der notwendigen
Geschwindigkeit zu bewältigen, braucht die Fähigkeit zur nichtlinearen, multiperspektivischen Sicht auf die Welt. Der Blick,
welcher diese Sichtweise ermöglicht, ist der Blick der KünstlerInnen und jener, die es gewohnt sind, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.
Gerald Bast
Rektor Universität für angewandte Kunst Wien
August 2017
Studierende
der Transmedialen Kunst, setzen sich genau diesen Zuständen aus und arbeiten ein Semester lang zum Thema „Konflikt & Kooperation“.
Sie produzieren speziell für den Ort Alpbach künstlerische Arbeiten, die in einem Ausstellungsrundgang frei zugänglich sind
und konfrontieren sich und das Publikum mit brennenden gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Welche Rolle darf, soll
und muss die Kunst während des Europäischen Forum Alpbach einnehmen? Wie können Repräsentationsmechanismen hinterfragt und
diejenigen, die nicht anwesend sind, hörbar gemacht werden? Wo liegt die Grenze zwischen Kunstwerk und Umgebung? Wie kann
auf die Architektur vor Ort, die sich halb im Berg versteckt und eins mit der Landschaft ist, Bezug genommen werden? Auf welche
Überlagerungen, Übergänge und Schichten stößt man und ist der Einzelne wirklich ein Partikel von Sedimenten? Ist es möglich
mit dem Untergrund zu verschmelzen und inwiefern sind bei all diesen Fragen Europa-spezifische Lösungsansätze möglich und
von Vorteil?
Der experimentelle Fokus der Studierenden richtet sich auf raum- und zeitbasierte künstlerische Konzeptionen
und Projekte. Es geht um eine kritische Auseinandersetzung mit theoretischen, so wie praktischen Methoden und die Beschäftigung
mit kommunikativen, performativen und prozessualen Kunstaspekten. Dies ermöglicht vielfältige Beziehungen und neue Formen
von Kooperationen. Transdisziplinarität zeigt, dass Medien von Diskontinuitäten geprägt sind. Anstatt sich mit einem Verständnis
klar ausdifferenzierter Medien zu identifizieren, werden diese in ihrer Unabgeschlossenheit und Verwobenheit begriffen. Dieses
Öffnen führt auch aus dem Rahmen der Kunst hinaus: Überschneidungen mit anderen Disziplinen – wie den Wissenschaften, der
Technik oder der Philosophie – entstehen. Experimentelle Herangehensweisen erweitern nicht nur den Möglichkeitshorizont, sondern
stärken Sensibilitäten für unbekannte und neuartige künstlerische Interventionen, die sich dezidiert auch Konflikten stellen
müssen. Dieses Verbinden von unterschiedlichen Erkenntnis- und Darstellungsweisen versucht die Komplexität unserer Welt und
ihre Lebensumstände sichtbar zu machen.
In der vielfältigen Ausstellung Sediments of Union wird die Individualität
der medialen und persönlichen Zugänge sehr wohl aber auch Verbindungen und eine verwandte künstlerische Sprache sichtbar.
Mit Arbeiten von: Diana Barbosa Gil & Anna-Sofie Lugmeier, Valentin Hessler & Selina Lampe, Thomas Hitchcock,
Lukas Kaufmann, Leonard Prochazka, Marie Reichel, Anna Zilahi und Peter Kozek, Peter Fritzenwallner.