Julia Preisker: Beziehungsweisen jiddischer Protest- und Arbeiter_innen-lieder – Daniel Kahns Reartikulation
Modechai Gebirtigs arbetloze-marsh
Transkulturelle
Studien
Jiddische Arbeiter_innen- und Kampflieder kommunizierten im 19. Jahrhundert maßgeblich die Forderungen,
Programme und Ziele des ›Bundes‹ und jüdischer sozialdemokratischer Parteien. Als Form der politischen Artikulation verloren
sie seither nicht an Bedeutung und auch heute sind sie im Kontext von Protesten, Demonstrationen und Interventionen stets
zu hören. Wenn diese Neuartikulationen jiddischer Protestlieder als ein Rückbezug auf vergangene Utopien der Revolution(sversuche)
1905 und 1917 betrachtet werden, scheint die angerufene Solidarität augenscheinlich nur eine nostalgische zu sein. Was aber,
wenn die Reartikulation der Lieder mehr wäre als eine „maskulinistische Fetischisierung des Kampfes“ (Adamczak 2021) und mehr
als nostalgischer Rückbezug auf augenscheinlich unerfüllte kommunistische Weltbezüge?
Anschließend
an Bini Adamczaks relationale Denkweise von Revolutionen nicht als abgeschlossene, einmalige Ereignisse, sondern fortführende
und fortgeführte Prozesse verschiedener ›Beziehungsweisen‹ möchte ich jiddische Protestlieder hier nicht als Werkzeuge politischer
(Partei-)Programme verstehen. Vielmehr soll herausgearbeitet werden, welche Beziehungen die Lieder und ihr stetiges Aufgreifen
in unterschiedlichen sozialen Gesellschaften konstituieren. Um das zu ermöglichen, richte ich meinen Fokus auf ihre Medialität,
nicht gedacht als Vermittelndes, sondern als ein Zwischen, als Relation und Beziehung selbst. Medialität gedacht als Werden,
als steter Prozess (vgl. Handel 2019) und nicht als nachgestelltes Mittel zum (revolutionären) Zweck, sondern als Selbst-Konstituierendes
von Gesellschaftlichkeit soll Verbindungen, ›Beziehungsweisen‹ aufzeigen, die Situiertheit einschließen. So gedacht, entfalten
die Lieder selbst ein komplexes Geflecht aus Revolution und Solidarität, so dass politische Forderungen nicht einfach nur
übermittelt werden – weder im historischen noch im gegenwärtigen Sinne.
Anhand einer kurzen Video-Analyse des arbetloze-marsh
von Daniel Kahn & The Painted Bird möchte ich den Fokus weg von Positionen und festgelegten Bestimmungen hin zu Beziehungsweisen
und relationalen Überlegungen der Unbestimmbarkeit richten. Wenn Medien als ein Zwischen verstanden werden, vermitteln
jiddische Protestlieder nicht zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigen, sie bringen als Beziehungsweisen Bedeutungen
in all ihren Verflechtungen, Ähnlichkeiten, Abgrenzungen und Differenzen erst hervor. Damit sind sie nicht länger als Addition
zu ›großen‹ Revolutionsideen und Utopien zu verstehen, denen sie dienen. Sie stiften Sinn im Prozessualen und im In-Beziehung-Setzen
von Gesellschaften und Gesellschaftlichkeit. In Kahns Reartikulation Mordechai Gebirtigs arbetloze-marsh gehen die Beziehungsweisen
weder konflikt- noch widerspruchsfrei vonstatten. Gerade deshalb soll das Denken über Beziehungsweisen auch Überlegungen zu
einem neuen Konfliktbegriff bieten.
Julia Preisker
Julia Preisker hat von 2009-2015 Theater-,
Film- und Medienwissenschaft (B.A.) bzw. Theater-, Film- und Mediengeschichte (M.A.) an der Universität Wien studiert. Nach
ihrem Abschluss war sie Mitarbeiterin der interdisziplinären Forschungsplattform „Mobile Cultures“ sowie Lehrbeauftragte am
Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (tfm). Ab 2017 war sie DOC-Stipendiatin der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften und ab 2019 im Rahmen ihres Dissertationsprojekts wissenschaftliche Mitarbeiterin am tfm. Seit 2021 koordiniert
sie das Doktoratszentrum an der Akademie der bildenden Künste Wien.
Der Vortrag ist auf Deutsch, Q & A in English
& Deutsch.