Ändere Dich, Gewohnheit!
„Wir sind an die Vorstellung der Gewohnheit gewöhnt; die Bestimmung des Begriffs derselben schwierig“,
schreibt Hegel.
Beim Symposium Ändere dich, Gewohnheit! steht die Frage nach Logiken der Gewohnheit im
Zentrum der Diskussion, um damit Möglichkeiten der Befreiung und der Realisierung auszuloten. Es folgt als zweiter Teil auf
das Symposium Die Güte der Gewohnheit, bei welchem Gewohnheit, Hegels Gewohnheit und künstlerischen Perspektiven
zentrale Inhalte waren.
Mit: Luisa Berghammer, Philipp Gehmacher,
Christoph Menke, Luīze Nežberte, Francesca Raimondi, Monika Rinck, Dieter Sperl, Eva Maria Stadler, Sophie Thun, Jenni Tischer,
Jan Völker und Studierende der Universität zu Köln: Nick Görig, Furkan Ikbal Pinar, Miriam Schönwald, Melanie Wilbrand
Programm
Donnerstag, 7. Mai
17:30 Uhr
Eva Maria Stadler
Ändere dich, Gewohnheit!
Weißt Du, es gibt so was wie falsche Aktivität. Die Leute können nämlich nicht nur handeln,
um etwas zu verändern, sondern sie können auch handeln, um zu verhindern, dass etwas geschieht. Dass nichts sich ändert. Und
das ist ein Problem. Wie soll man aus den ganzen Handlungen herausfiltern, was davon etwas ändern könnte. Und warum haben
wir es nicht getan? Von all den Betrieb-samkeiten, denen wir nachgegangen sind, war doch die eine nicht dabei, etwas zu tun,
damit sich etwas ändert. Sonst hätte es das ja. Und nochmal: wäre etwas von unseren Handlungen dabei gewesen, dass dazu taugt,
etwas zu ändern, dann hätte es das ja.
(René Pollesch, Gasoline Bill, 2013)
18:00 Uhr
Christoph
Menke
Die Gewohnheit des Kapitalismus
Wenn es ohne Gewohnheit keine Tätigkeit gibt, dann gilt dies
auch für die Tätigkeiten, durch die sich das kapitalistische System reproduziert. Das kapitalistische System erhält sich durch
Gewohnheiten. Diese Gewohnheiten leisten zweierlei: Sie befähigen die einzelnen zu je bestimmten Tätigkeiten, indem sie sie
zugleich an deren allgemeine kapitalistische Logik gewöhnen; sie gewöhnen an den Kapitalismus.
Wie unterscheiden sich
diese Gewohnheiten des Kapitalismus von den in den traditionellen Lebensformen, die der Kapitalismus ebenso zerstört, wie
in sich integriert? Dieser Unterschied kann nicht nur inhaltlich bestimmt werden. Der Unterschied ist formal: Er betrifft
die Form der Gewohnheit. Die Gewohnheiten des Kapitalismus sind deformierte Gewohnheiten.
Im Vortrag geht es darum,
wie die Deformation der Gewohnheit im Kapitalismus zu bestimmen ist. Das schließt die Frage ein, wie sich der kapitalistischen
Deformation eine andere Deformation der Gewohnheit entgegensetzen lässt: die Deformation der Gewohnheit in der Befreiung.
19:00 Uhr
Philipp Gehmacher
On Postures, Patterns, Bends and Inclinations
Lecture
Performance
Über Körperhaltungen, Bewegungsmuster, Beugungen und Nei-gungen spricht und tanzt Philipp Gehmacher,
in dem er in seinen künstlerischen Arbeiten das Verhältnis von Körper, Raum, Sprache und Bewegung befragt. Es ist die Kraft
der Wiederholung, die den Bewegungen ein eigenes Gedächtnis verleiht. Haltungen treffen auf Materialität, Muster erzeugen
Zustände wie Atmosphäre, doch erst die Abweichungen und Hinwendungen eröffnen den Möglichkeits-raum für die eigenständige
Bewegung.
Freitag, 8. Mai
11:00 Uhr
Monika Rinck und Dieter Sperl
Begriffsstudio
Das Begriffsstudio geht in sein dreißigstes Jahr. Im Winter 1996 verschickte die Autorin Monika Rinck
erstmals eine Liste mit bemerkenswerten Sprachfundstücken an eine kleine Gruppe von Personen und nannte sie: Begriffsstudio.
Seither ist diese Praxis zu einer Gewohnheit geworden und noch ist kein Ende in Sicht. Der erste Begriff war „visionen der
banalen und undurchsichtigen art”, der momentan jüngste ist Nr. 6093 „Vor- und Seitwärtsverzauberung”. Daran zeigt sich schon,
dass „Begriff” hier nicht im hegelianischen Sinne ge-braucht wird. „Begriff” (mit seinem hybriden Plural „Begriffs”) ist der
Name für das Aufgefundene sowie für den Moment des Festhaltens von flüchtigen Sprachvorkommnissen und ebenfalls für die Aufmerksamkeit,
die es dazu braucht. Für die Autorin ist das Begriffsstudio aber auch ein Gradmesser, der ihr Auskunft gibt: über die eigene
Wahrnehmung, über Lektüren und Gespräche und die gesellschaftliche Sprachatmosphäre, die sie umgibt, und nicht zuletzt über
die Stabilität von Gewohnheiten.
Monika Rinck arbeitet gemeinsam mit Dieter Sperl, dem Autor und Herausgeber der
Zeitschrift flugschrift am Begriffsstudio zur Gewohnheit. flugschrift publiziert seit dem Jahr 2012 vorzugsweise
Texte einer Autor*innenschaft im Grenzbereich zwischen Literatur, Kunst und Theorie, die Selbstreflexion – Konstruktion und
Dekonstruktion polyloger Weltreferenzen – im Kontext einer sich ständig verändernden hypertrophen Sprach-Wirklichkeit als
Notwendigkeit erachtet. Von Dieter Sperl erschien zuletzt der Band Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten,
Notate und Erinnerungsfragmente.
12:00 Uhr
Luisa Berghammer und Luīze Nežberte Reading (in
English)
This reading takes the form of a cross-reading between Luīzes Nežberte's publication Bulletin and Luisa
Berghammer’s On Context. Bringing together two collages of voices, the format moves between references, allowing
differing fragments, text formats and positions to overlap and diverge.
Developed through an ongoing exchange and previous
collaborations, the reading has a loose dramaturgy shaped in real time by listening and response. It reflects a shared engagement
with questions of attention, projection, autonomy, and artistic practice, not as fixed themes but as shifting points of entry.
12:30 Uhr
Francesca Raimondi
Intensität und Gewohnheit
Ein Blick auf gegenwärtige
»Gewohnheitsindustrie« bestätigt, was Marx bereits ahnte: Der Kapitalismus setzt nicht nur auf automati-sche Abläufe, sondern
ebenso sehr auf eine ständige Intensivierung und sogar Revolution von Gewohnheiten. Nicht Gewohnheiten sind mithin das Problem,
sondern die spezifische Form und rastlose, aber schale Dialektik, der sie der Kapitalismus unterwirft. Gegen diese sucht der
Vortrag Praktiken auf, die sich den intensiven Ver-körperungen des Kapitalismus entziehen und eine der Gewohnheit innewohnenden
Negativität freilegen.
13:00 Uhr
Pause
13:30 Uhr
Jan Völker
Fröhliche
Knechtschaft
Spinoza merkt an, dass manchmal die Leute für ihre Knechtschaft kämpfen als wäre sie ihr Heil – die Knechtschaft
kann sich anfühlen wie das Heil, sie kann so empfunden und gesetzt werden, wenn sie nur das Ich befriedigt, uns fröhlich und
immer wieder anders sein lässt, wenn sie uns von der Knechtschaft emanzipiert, uns zu uns kommen lässt. Was aber ist, wenn
wir uns zu Tode emanzipieren, weil der Mensch auch aus Gewohnheit stirbt, wie Hegel schrieb? Was aber ist, wenn das Heil nicht
in uns liegt, sondern in geteilten Idealen, in Gewohnheiten, die außer uns liegen?
14:00 Uhr
Respondenz:
Christoph Menke, Francesca Raimondi, Monika Rinck, Jan Völker
Sophie Thun
Oberkasseler Strasse to Blücherstraße
to Poljanski nasip to Regent’s Park to Piwna to Blücherstraße, fragmented, 2024
„Du bist es selbst. Im Spiegelkabinett
des globalen Kapitalismus. Unselbständig, schwach, schuld am eigenen Unglück, kalt, hart, glatt, immer schon das Eigene überall,
das Ich trifft stets nur auf sich selbst” (Eva von Redecker) oder doch nicht? Du bist nach der Arbeit bei der Arbeit, Dein
ruhiger Blick kontrolliert den Apparat und tastet die Szene ab. Du bist dazwischen, zwischen Licht und Wand, drückst auf den
Auslöser, belichtest aus, fotografierst noch einmal, belichtest aus. Das Foto zeigt den Raum, in dem das Foto aufgenommen
wurde und zugleich zeigt das Foto die Dunkelkammer. Du arbeitest an Deinem Bild, aber nicht an dem Bild von Dir.
Jenni Tischer
Diagrammatic Image (b) Llano del Rio, 2026
Die Installation Diagrammatic
Image (b) Llano del Rio verhandelt Infrastrukturen reproduktiver Arbeit. Das diagrammatische Bild bezieht sich auf den
Stadtplan der nie realisierten Gartenstadt Llano del Rio, die 1914 von der feministischkommunistischen Architektin Alice Constance
Austin in Llano, Kalifornien, geplant wurde. Die reproduktive Arbeit sollte in Llano del Rio zentralisiert werden und anhand
einer sternenförmig ausgerichteten Infrastruktur kommunal verteilt sein. Dadurch wäre die soziale Reproduktion in ihrer doppelten
Bedeutung – als wiederholte alltägliche Arbeit zur Aufrechterhaltung des Lebens und als permanente Wiederherstellung der Produktionsbedingungen
durch Institutionen – materiell umgestaltet worden. Das schematische Bild der Gartenstadt bietet eine andere Form der gesellschaftlichen
Organisation, die auf einer strukturellen Neukonfiguration und Neubewertung von Reproduktionsarbeit als wesentliche soziale
und ökonomische Kraft basiert. Darstellungen utopischer Koexistenz, wie jene von Llano del Rio, veranschaulichen nicht nur
alternative Formen der Arbeitsorganisation, sondern stellen uns stets als ihre potenziell dargestellten Subjekte her.
Luīze Nežberte
We could listen much longer, but it is late by now, and the moonlight glistens like quicksilver
upon the waves of the lake before us, 2024
Die Arbeit interpretiert historische Architektur an der Schnittstelle
von Erinnerung, vernakulärer Form und Kulturgeschichte neu. Im Zentrum steht das Gaide-Versammlungshaus in Lettland (1739),
das später zerstört wurde und nur noch durch eine Fotografie überliefert ist. Verlust wird dabei als produktive Bedingung
verstanden, indem seine Elemente in zeitgenössischen Materialien rekonstruiert werden. Ausgehend von den sogenannten Sunpoles
– der Säulenstruktur der Gemeindehäuser – deutet die Skulptur das indoeuropäische Sonnensymbol als zeitliche Achse um: Strahlen
weisen nach oben in die Zukunft und nach unten in die Vergangen-heit, während eine zentrale Form die ewige Gegenwart markiert.
So fungiert sie zugleich als materielle Studie und kulturelle Archäologie, die untersucht, wie Erinnerung bestimmt, was
bewahrt oder ausgelöscht wird.
ART SCHOOL KÖLN / WIEN:
Mirjam Thomann (Künstlerische Praxis, Universität
zu Köln)
Jenni Tischer (Kunst und Wissenstransfer, Universität für angewandte Kunst Wien)
Nick Görig, ohne
Titel, 2025
Furkan Ikbal Pinar, Besesseln, 2025
Miriam Schönwald, Bestuhlt, 2025
Melanie
Wilbrand, Weste, 2025
Das Auftaktsymposium im vergangenen Herbst Die Güte der Gewohnheit beleuchtete
die Gewohnheit neben Hegels Gewohnheit (Jan Völker, Monika Rinck, Bibiana Beglau) und unter Einbindung
künstlerischer Perspektiven, wie in der Malerei (Thomas Eggerer), der Musik (Bernhard Lang), der Literatur (Sophia Rohwetter),
der Gestaltung (Lukas Kaufmann, Miriam Stoney) und einer Rauminstallation der ART SCHOOL Köln/Wien (Mirjam Thomann, Jenni
Tischer und Studierende aus Köln und Wien) beleuchtet wurde.
Das Symposium wurde konzipiert von Eva Maria Stadler
und Jenni Tischer, Kunst und Wissenstransfer, Universität für angewandte Kunst Wien
Grafik: Katarina Schildgen
& Paul Gasser
Der Veranstaltungsort ist barrierefrei zugänglich, während des Symposiums werden die Beiträge
mithilfe einer App in andere Sprachen übersetzt.