30 Jahre Uniability: Inklusion an Hochschulen ist kein Tagesordnungspunkt, es ist ein Auftrag

03. November 2026
Inklusion ist zu einem fixen Arbeitsbereich und Auftrag im Profil von Institutionen und Unternehmen geworden. Diesem Status ging ein aktiver und beharrlicher Kampf der Betroffenen voraus. Eine der ersten Organisationen, die sich dem Thema an Hochschulen widmete, ist Uniability. Der Verein feiert nun sein 30-jähriges Bestehen mit und an der Angewandten.
Mit dem 2006 in Österreich in Kraft getretenen Behindertengleichstellungsrecht und der 2008 in Österreich wirksam gewordenen UN-Behindertenrechtskonvention mündeten die Bestrebungen aktiver Organisationen wie Uniability in erste verbindliche rechtliche Rahmenwerke hin zu Barrierefreiheit und Zugänglichkeit. Damit fand ein wichtiger Perspektivenwechsel statt: Nicht die individuelle Beeinträchtigung steht im Mittelpunkt, sondern jene gesellschaftlichen und institutionellen Barrieren, die gleichberechtigte Teilhabe verhindern. Drei Jahrzehnte nach der Gründung von Uniability bleibt eine zentrale Frage aktuell: Wie werden Gleichstellung und Inklusion nicht nur als rechtlicher und institutioneller Auftrag formuliert, sondern im Hochschulalltag tatsächlich gelebt – abseits von einzelnen Aktionstagen, Maßnahmen für feierliche Anlässe oder infrastrukturellen Umbauten?

Nicht nur an Universitäten sollte die Frage im Mittelpunkt stehen, wie wir Institutionen für alle gestalten, Wissen zugänglich machen, Barrieren abbauen und Vertrauen schaffen. Am 26. November 2026 kommen Vertreter*innen aus Wissenschaft, Praxis und Behindertenrechtsbewegung zusammen, um bei einem festlichen Dinner mit künstlerischen Beiträgen und Expert*innenvorträgen Erreichtes zu feiern und vor allem nach vorne zu schauen.

Uniability setzt sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen an österreichischen Hochschulen ein. Die Arbeit des Vereins hat unter anderem dazu beigetragen, dass auch Universitäten wie die Angewandte das Thema als zentralen Auftrag in ihren Strukturen verankern – ein komplexes Vorhaben, das vernetztes und teilweise visionäres Denken und Handeln erfordert, gepaart mit viel Engagement und Pioniergeist sowie Wissensvermittlung innerhalb der eigenen Institutionen und darüber hinaus.

„Vieles von dem, was Institutionen als Inklusion bezeichnen, ist in Wahrheit einfach nur Integration. Wir integrieren Menschen, die sogenannte ‚besondere Bedürfnisse‘ haben. Wir passen Dinge an oder suchen nach Lösungen, wenn es notwendig ist oder jemand danach fragt. Für mich geht es aber darum, von dieser passiven Haltung zu einer aktiven, produktiven Haltung zu kommen. Es sollte nicht erst dann etwas passieren, wenn jemand auf ein Problem aufmerksam macht“, so Veronika Merklein, verantwortlich für den Bereich Barrierefreiheit und Inklusion an der Angewandten.

Was braucht es, damit Inklusion stattfindet und nicht nur Bekenntnis bleibt? Der Austausch mit Communities, ihren Perspektiven, Erfahrungen und ihrer Expertise ist dafür unverzichtbar, weiß Merklein: „Es reicht nicht, andere Lebenswelten verstehen lernen zu wollen. Das kann nur funktionieren, wenn wir auch das Ähnlichkeitsprinzip hinterfragen, nach dem wir beispielsweise unsere Mitarbeiter*innen auswählen. Stattdessen sollten wir Heterogenität bewusst fördern.“

Merklein sieht großes Potenzial in einem grundlegend anderen Denken und Herangehen an Strukturen und Organisationen. „Es geht darum, von Anfang an anders zu denken und zu gestalten. Für mich ist das ein wichtiger Teil von Inklusion: nicht nur auf Menschen zu reagieren, sondern von Anfang an mitzudenken, dass diese selbstverständlich dazugehören. ‚Sie‘ sind nicht ‚die anderen‘, ‚sie‘ sind wir, unter uns, auch ich gehöre zu ‚ihnen‘, zu ‚den anderen‘. Ich glaube, wenn dieser Ansatz im Bewusstsein verankert ist, kann dadurch tatsächlich eine andere Normalität entstehen. Eine Normalität, in der Inklusion nicht als Extra gesehen wird und in der wir nicht für alles, was anders ist, eine Speziallösung brauchen.“

Körper, Stimme und Erfahrung: eine künstlerische Perspektive auf Inklusion

Einen weiteren Zugang zum Thema eröffnet die Performance Listening. to. folds. of. an. Ache. von lutzz bog-lárk, Studierender der Angewandten. Die Arbeit setzt sich mit Stimme, Raumakustik und chronischem Schmerz auseinander. Ausgehend von eigenen Erfahrungen mit chronischen Schmerzen entwickelt bog-lárk somatische Klangpartituren, die den Körper und seine Resonanzräume erfahrbar machen. Die Performance fragt danach, wie sich Erfahrungen artikulieren lassen, für die es oft noch keine Sprache gibt oder denen nicht ausreichend zugehört wird. Dabei fließen auch Erkenntnisse aus gemeinsam gestalteten crip*queer*-Sounding-Research-Labs ein. Die künstlerische Arbeit eröffnet damit einen Raum, in dem individuelle körperliche Erfahrungen, unterschiedliche Wahrnehmungen und Formen des Zuhörens in den Mittelpunkt rücken.

Ein Abend für Austausch, neue Verbindungen und gemeinsames Weiterdenken

Eine gute Möglichkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, mehr über die aktuelle Situation an Hochschulen zu erfahren und Vertreter*innen aus den Communities kennenzulernen, bietet das Jubiläumsdinner: Stimmen aus der Behindertenrechtsbewegung, Wissenschaft und Praxis referieren in pointierten Impulsvorträgen zu Entwicklungen, Herausforderungen und Errungenschaften. Dazu zählt Christine Steger, Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen der Republik Österreich. Die Uniability-Gründungsmitglieder Volker Schönwiese und Barbara Levc geben Einblick in die Geschichte der Bewegung. Klaus Miesenberger vom Institut Integriert Studieren der Johannes Kepler Universität Linz widmet sich der aktuellen Entwicklung assistierender Technologien.

Zu erwarten sind pointierte Impulse zu 30 Jahren Behindertenrechtsbewegung, Perspektiven für die Zukunft, Musik von Las Furias sowie ein viergängiges vegetarisch-veganes Menü von Steffi Parlow und Team. Darüber hinaus bietet der Abend Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und Kontakte auch für die eigene Institution zu knüpfen, die über die Veranstaltung hinausreichen.
 

Termin:
30 Jahre Uniability

26. November 2026
17:30–21:30 Uhr
Universität für angewandte Kunst Wien, Auditorium
Vordere Zollamtsstraße 7, 1030 Wien

Detaillierte Informationen unter Programm: 30 Jahre Uniability
Jetzt anmelden! Bis zum 12. November Plätze reservieren unter Registrierung zur 30-Jahre Uniability Jubiläumsfeier.

Information zur Barrierefreiheit: Der Abend wird mit verschiedenen Maßnahmen möglichst barrierearm gestaltet, darunter ÖGS-Dolmetschung, Live-Transkription in verschiedenen Sprachen, barrierefreier Zugang und ein Ruheraum. Wir möchten Begegnung ermöglichen – und wissen zugleich, dass Vertrauen nicht allein durch einen barrierearmen Veranstaltungsort entsteht, sondern auch durch Zuhören, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, institutionelle Barrieren nachhaltig abzubauen