Lehrende und MitarbeiterInnen

Reitzer, Angelika Univ.-Lekt. Mag.phil.

Titel
Wir Erben von Angelika Reitzer
Typ
Medienbeitrag
Schlagwörter
Sprachkunst
Texte
Beschreibung
[…] In einer wunderschönen Passage des Buches sind wird dabei, wenn Marianne in ihrer Baumschule Reiser pfropft. Reitzer macht aus dem Vorgang, in dem mithilfe eines fachgerecht gesetzten Schnittes, wenn alles gut geht, zwei Pflanzen zusammenwachsen, eine poetologische Metapher für ihr Buch. Denn auch zwischen Marianne, der Hauptfigur des ersten Teils, und Siri, der zentralen Figur des zweiten, kommt es im Text zu einer Art Pfropfung. Aus heiterem Himmel taucht im Roman irgendwann die zweite weibliche Hauptfigur auf, mit einer ganz anderen Lebensgeschichte: Siri ist mit ihren Eltern aus der DDR geflohen und kehrte nach dem Mauerfall dorthin zurück. Sie hat Japan bereist und in den USA ein Kunststudium absolviert, insgesamt also ein sehr unstetes Leben, fernab von den Verwurzelungen Mariannes im Lex-Haus. Dass die beiden Frauen bei Angelika Reitzer miteinander zu tun bekommen und am Ende des Buches dann ganz aufeinander bezogen sind, vor allem aber, dass man diesem Buch das eher unwahrscheinliche Zustandekommen dieses Freundschaft auch wirklich abnimmt, hat allein mit der Erzählkunst der Autorin zu tun. In „Wir Erben“ präsentiert sich diese Kunst auf einem Höhepunkt. Es ist ein glasklarer Stil, vorgetragen in kurzen und präzisen Sätzen, den Reitzer schreib. Direkte Reden zwischen den Figuren erspart die Autorin dem Leser, stattdessen ist hier alles in einen einzigen stilistischen Fluss gerückt, an dem kein Wort stört und keines zu viel oder zu wenig ist. Nicht an einer Psychologie der Figuren, sondern ganz unmittelbar an den Formationen der Wirklichkeit zeigt sich Reitzer in ihrem Schreiben interessiert. Genau dort, inmitten der Realität, fördert das Buch dann auch seine literarischen Erkenntnisse zu Tage. Das Imaginäre selbst, so könnte man sagen, wenn es nicht zu pathetisch wäre, wird hier real. Es ist eine neue und andere Art des realistischen Schreibens, die Reitzer betreibt. Dass soziologische Schubladen dafür zu klein sind, zeigt sich in „Wir Erben“ auf eindrucksvolle Weise. Nicht um die prekären Lebensverhältnisse des Prekariats geht es hier, sondern um die Tatsache, dass das Leben selbst immer prekär ist oder an ihm etwas ganz ansatzlos prekär werden kann. Plötzlich beginnt eine Figur sich zu bewegen, und plötzlich erscheint ihr in dieser Bewegung an ihrem bisherigen Leben alles fremd. Klaus Kastberger
Beteiligung
Angelika Reitzer
Erwähnung
Datum, Zeit und Ort
Datum
2013-03-09
Ort
Wien (Österreich)
Ortsbeschreibung
ORF Ö1 ex libris