Lehrende und MitarbeiterInnen

Bettel, Florian Sen.Sc. DI Dr.phil.

Titel
Einleitung (UNI*VERS)
Typ
Beitrag in Sammelband
Schlagwörter
Bildende Kunst, Dissertation, Konservierung und Restaurierung, Kulturgeschichte, Kulturwissenschaft, Philosophie, Technikgeschichte
Texte
Volltext
Was entsteht im Schnittfeld von Kunst und Wissenschaft? Es könnte z. B. Schrift sein, „typeface“. Die Schrift Univers (Abb. 1), in der dieses Buch gesetzt wurde, geht auf eine Entwicklung Adrian Frutigers Anfang der 1950er-Jahre zurück, wobei der Schriftgestalter einem künstlerischen Antrieb folgte. Aus dieser künstlerischen Grundlagenforschung wurde ein Produkt, dessen riesiger kommerzieller Erfolg in die großen technischen Umwälzungen der Drucktechnik jener Zeit eingebettet war. Neben dem üblichen Bleisatz begann langsam der Fotosatz aus seinen Kinderschuhen herauszuwachsen, bis er Ende des Jahrzehnts als „Linofilm“ vermarktet wurde. Die Schrift Univers hob sich auch dadurch von den anderen Schriftfamilien ab, dass sie von Anfang an in der etablierten Bleisatzversion und darüber hinaus auch für den Fotosatz angeboten wurde. Im Umkehrschluss beflügelte diese erfolgreiche künstlerische Entwicklung den weiteren Verlauf der technischen Innovation und das Aufkommen weiterer Fotosatzprodukte. Univers steht für ein Werk, das im Schnittfeld von Technik, Wissenschaft und Kunst entstand und während seiner Erfolgsgeschichte diesen Bereichen verbunden blieb. Der Titel des Bandes verweist auf einer zweiten Ebene, die wahrscheinlich für viele die näherliegende ist, auf das Universum und damit auf die paradigmatische Unendlichkeit. Die Essays dieses Bandes stellen einen kleinen Einblick in die Vielfalt der wissenschaftlichen Arbeit an den Wiener Kunstuniversitäten dar, die im Zuge von Dissertationen vorangetrieben wird. Wir wollen damit junge Forschung vorstellen, die sich häufig an den Rändern des etablierten Wissenschaftsbetriebs bewegt, neue Schnittfelder zwischen Disziplinen eröffnet und zum Teil ungewöhnliche Themen und Perspektiven wählt. In diesem Sinne steht der Titel nicht für einen nie einzulösenden und daher anmaßenden Universalitätsanspruch, sondern für die unendlichen Möglichkeiten, die sich durch die besondere Situation eines wissenschaftlichen Doktorats an einer Kunstuniversität eröffnen. Als dritte Ebene sei noch auf das Umschlagbild verwiesen. Für die Erforschung des Universums greift die NASA bereits seit 19 Jahren auf das Hubble-Teleskop zurück, produziert und bearbeitet Bilder, untersucht und veröffentlicht sie. Auf der betreffenden Website verkündet sie diesbezüglich: „Creating color images out of the original black-and-white exposures is equal parts art and science.“ In dieser lapidaren Bemerkung ist der Hinweis auf die vielfältigen Möglichkeiten des Fragens nach der Art und Weise der Verbindung von Kunst und Wissenschaft in der Produktion, Interpretation und kritischen kulturhistorischen Reflexion von Bildern, Artefakten, aber auch involvierten Theorien versteckt. Dieses Fragen kann ebenso als Reibung von Kunst und Wissenschaft an ihren gemeinsamen epistemischen Gegenständen verstanden werden. Die dabei entstehende „Reibungs“-Energie findet besonders an Kunstuniversitäten, in denen Rezeptions- und Produktionsprozesse sowie deren Reflexion ineinandergreifen, ideale Bedingungen vor, um in innovative Forschung umgesetzt zu werden. Ergebnisse können dann Dissertationsprojekte wie die hier vorgestellten sein, die sich durch transdisziplinäre Fragestellungen, materialorientierte Herangehensweisen und innovative Methodik auszeichnen. Im Kapitel Aspekte der Architektur greifen ArchitektInnen über ihren Fachbereich hinaus und schaffen durch die theoretische Auseinandersetzung mittels bildtheoretischer, kultur- und technikhistorischer als auch philosophischer Methoden neue Verbindungen, um so konkrete oder auch philosophische Fragen zu analysieren und damit neues Wissen für die Architektur herauszuarbeiten. Die Bedeutungsverschiebungen, die bei der Überschreitung traditioneller Kultur-, Sprach- bzw. Schriftgrenzen von Kunst und Spiel auftreten, werden in Betrachtungen zu Kunst- und Kulturgeschichte untersucht, wodurch Einblicke in die größeren Zusammenhänge, in denen solche Transfers zu verorten sind, möglich werden. Ein dezidiert lokaler Bezug wird in Fokus Wien hergestellt. Dabei stehen die Stadt als Ort der Verhandlung von Bedeutung und Wert von Kunst, Technik und Alltagsobjekten sowie die Historizität, politische Implikationen und nicht zuletzt die methodische Zugänglichkeit des jeweiligen Forschungsobjekts im Blickpunkt. Im Kapitel Mediale Verhältnisse wird der Umgang mit neuen Medien und omnipräsenten Konsumobjekten als Teil der Praxen der Narration bzw. der Konstitution von Gruppen beleuchtet. Die systematische Aufarbeitung bzw. die nachhaltige Bewahrung von materiell gespeichertem Wissen wird in Technik & Kulturerbe vorgestellt und innerhalb von Kultur und Politik kontextualisiert. In den Aufsätzen des Kapitels Unsichtbares im Blickfeld treten durch den (interdisziplinär) geschärften Blick Fragen nach der Wahrnehmung von Kunstwerken in den Vordergrund, denen dann die AutorInnen mit Methoden aus Psychoanalyse, Phänomenologie und Ikonografie nachgehen. Abgesehen von der thematischen Gliederung der Beiträge dieses Buches in Kapitel ergeben sich Querbezüge in der Methode, der Theoriebetrachtung und den thematischen Fokussierungen zwischen den einzelnen Texten. Anke Schänings Artikel stellt die systematische Aufbereitung der Materialsammlung des Instituts für Naturwissenschaften und Technologie in der Kunst der Akademie der bildenden Künste Wien vor und schafft dabei eine Kontextualisierung im Zusammenhang mit technischem Fortschritt, politischer Situation und Kunstproduktion. Systematisierende Eingriffe in der Aufbereitung von Wissen über die Kulturgeschichte der Verhütung und Abtreibung stehen im Mittelpunkt des Textes von Barbara Sommerer. Die Sammlung eines Wiener Gynäkologen wurde durch ein interdisziplinäres Team katalogisiert und mittels Visualisierungsstrategien in das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch übergeleitet. Sommerer zeigt in ihrem Beitrag, dass durch das Zusammenwirken von Ausstellungskonzept, Objekten und Texten das Ganze wieder einmal mehr ist, als die Summe seiner Teile sein könnte. Der Filmemacher Martin Arnold hat in seiner ersten Werkphase durch Wiederholungen genau jene Einzelteile, kleine Gesten bzw. einzelne Bewegungen, als künstlerisches Mittel eingesetzt, die innerhalb der linearen Betrachtung unsichtbar bleiben. Andreas Fraunberger geht in seiner Analyse den Implikationen dieser Technik nach und legt ihre formale Verwandtschaft mit der Psychoanalyse dar, was eine vergleichende Betrachtung beider ermöglicht. Wie die technische Möglichkeit der Wiederholung einer Mikrosequenz Arnolds Werk prägte, so prägen laut Olivio Sarikas technische Vorgaben und die implizite Aufmerksamkeitslenkung in Plattformen wie Flickr die digitale Fotografie, ihre Ästhetik und inhärente Narration. Auch in der Architektur beeinflussen die technischen Möglichkeiten der neuen computergestützten Bildgenerierung, so in Nicole Stöcklmayrs Beitrag nachzulesen, neben einer neuen Formensprache und dem Entwurfsalltag in der einflussreichen experimentellen Avantgarde der Architekturbüros auch die Finanzierung von Großprojekten sowie die öffentliche Meinung diesbezüglich. Der künstlerische Eingriff in ein reales Landschaftsbild stellt für Iris Laner den Ausgangspunkt ihrer Untersuchung dar, wenn sie unter Zuhilfenahme einer wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung entlang von Rationalismus, Empirismus und Phänomenologie der Frage nach Betrachtung und Wahrnehmung von Kunstwerken nachgeht. Der Zusammenschluss von Architekten, Ingenieuren und Ärzten im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert im Dienst der sogenannten Stadthygiene steht für einen Paradigmenwechsel, wie Diego Caltana in seinem Beitrag aufzeigt. Architektur sollte fortan verstärkt eine soziale Funktion erfüllen und bildete darin eine angewandte Verbindung von Kunst und Wissenschaft im Bemühen um hygienische Wohnbedingungen. Die Hygienedebatte des 19. Jahrhunderts war Teil der Überlegungen, die 1874 in einem Projekt münden sollten, das Wiens erste „U-Bahn“ hätte werden können: Zwei Autoren legten in ihrer Publikation den Plan zur Errichtung einer pneumatischen Leichenbeförderung vor. Warum diese Unternehmung scheiterte und dabei hochrational war, stellt Florian Bettel in seinem Aufsatz dar. Den architektonischen Fragen nach kleinster Struktur und zu erreichender Form versucht sich Isben Önen auf andere Art und Weise anzunähern. Er zieht dabei Parallelen zur Kompositionslehre, die für ihn mit ähnlichen Fragestellungen arbeitet wie die Architektur bei der hochkomplexen Strukturfindung einzelner funktionaler Räume, die schlussendlich Raum (er-)geben. Auch die zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum greift in den (sozialen) Raum bzw. das soziale Gefüge Wiens ein, ist aber durch deren Heterogenität und teilweise ephemere Ausgestaltung schwer in den „analytischen Griff“ zu bekommen. Pamela Bartar hat daher einen eigenen Methodenmix entwickelt, um Kunst im öffentlichen Raum beschreibbar, analysierbar und interpretierbar aufzubereiten, wie sie anhand jüngerer und jüngster Beispiele aus Wien darlegt. Ein anderer Teil des sozialen Wiener Gefüges verschwindet langsam durch sich ändernde Wertverhältnisse: Martina Grünewald beschäftigt sich mit der Geschichte und Bedeutung des Pfandleihsystems, in dem Machtverhältnisse materiell sichtbar werden und der Wert von alten Objekten neu verhandelt wird. Neben seinen sozialen Funktionen dient der buddhistische Tempelkomplex in Nako, der Forschungsgegenstand Maria Grubers, vor allem auch als spiritueller und kultureller Orientierungsort für die ansässigen DorfbewohnerInnen und Mönche. Durch die Erforschung seiner Lehmbauweise soll daher die nachhaltige Bewahrung von mehr als „bloß“ einem zum Teil 800 Jahre alten Gebäudekomplex ermöglicht werden. Dem Wandel der Zeit unterliegen nicht nur städtische Gefüge, Gebäude und Gewerbe, sondern auch ikonografische Traditionen. Diese aufschlussreichen Veränderungen in ihrer longue durée untersucht Natalie Lettner innerhalb ihrer kulturhistorischen Studie, wenn sie nach den Bedeutungsverschiebungen des Motivs der Sündenfallschlange in der zeitgenössischen Kunst fragt. Die Möglichkeit unendlicher Kombinationen mag auch Angst einjagen oder dem Wahnsinn Nachschub verleihen. Sarah Ortmeyer geht diesem „Universum“ der (Zug-)Möglichkeiten in einer kurzen Geschichte des Schachspiels im 20. Jahrhundert nach. Sie zeigt, dass ein hochrationales Spiel politisch besetzt, missbraucht bzw. völlig missverstanden werden kann. Zusätzlich taucht im Spiel das Bild des Genies auf, das so oft auch in der Kunst gesucht und analysiert wurde und wird. Eine andere spielerische Geste bildet das Zentrum der Untersuchung von Makiko Mizuno. Die japanische Wissenschaftlerin widmet sich der konkreten Poesie ab den 1950er-Jahren in einer Gegenüberstellung deutscher und japanischer Autoren bzw. Künstler. Dabei spielt der Ausblick auf die Gegenwart im Hinblick auf die technische Verknappung literarischer Texte durch moderne Medien wie SMS & Co. eine wichtige Rolle. Das Aufeinandertreffen von westlicher Maltechnik und der Selbstdarstellung des osmanisch/türkischen Staates behandelt Nuşin Arslan anhand einer Ausstellung osmanisch/türkischer Malerei in Wien im Jahr 1918. Dabei thematisiert sie den staatlich betriebenen Import einer Maltechnik, die in den Foucault’schen Disziplinierungsapparat „Militär“ eingeklinkt wurde. Hochcodierte Artefakte stehen im Mittelpunkt der Untersuchung von Philipp Levar. Objekte werden als Totems von den Mitgliedern einzelner Gruppen mit spezieller Bedeutung aufgeladen. Für moderne Gesellschaften gibt dabei auch ihre mediale Repräsentation Auskunft über die Intensität ihrer Stabilisierungsfunktion für das Kollektiv. uni*vers. Junge Forschung aus Wissenschaft und Kunst geht auf die Tagung coming out 2008 zurück, die von engagierten DissertantInnen der beiden Wiener Kunstuniversitäten organisiert wurde. Insgesamt 19 Dissertationsprojekte konnten dabei einer interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden. Neben der Eroberung inhaltlichen Neulands bewies auch die Vielfalt der beteiligten Nationalitäten, dass Wien zu grenzüberschreitenden Denkansätzen anregt. Vortragende aus Deutschland, dem Iran, Italien, Japan, Portugal, Serbien, der Türkei und Österreich stellten ihre Forschungsergebnisse zahlreichen BesucherInnen aus dem In- und Ausland vor. Ein weiteres Ziel der Veranstaltung war es, die Vernetzung zwischen den DoktorandInnen der Kunstuniversitäten zu verstärken, um der Vereinzelung im Forschungsalltag entgegenzuwirken. Gerade weil die Studierenden oftmals mit ähnlichen wissenschaftlichen bzw. bürokratischen Hürden konfrontiert sind, war es die Intention der Tagung, diese Hemmnisse aufzuzeigen und Informationen auszutauschen. Die besondere Situation eines wissenschaftlichen Doktorats an einer Kunstuniversität, auf deren Vorteile wir zu Beginn dieser Einleitung eingegangen sind und deren Ergebnisse unter anderem in diesem Tagungsband kulminieren, bringt auch Herausforderungen mit sich, denen gemeinsam, mit Unterstützung durch Universitäten, Lehrende, aber eben auch KollegInnen, produktiver zu begegnen ist. Wir hoffen, mit der Publikation uni*vers diese produktive Vernetzung und Organisation der DoktorandInnen der Wiener Kunstuniversitäten weiter zu befördern und der Öffentlichkeit spannende und innovative Forschung aus dem Schnittbereich von Wissenschaft und Kunst vorstellen zu können. In diesem Sinne Barbara Hollendonner und Florian Bettel
Autor*innen
Florian Bettel, Barbara Hollendonner
Datum
2010
Ort
Wien, Österreich, New York City, NY, USA
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-211-99285-2_1
erschienen in
Titel
UNI*VERS
Untertitel
Junge Forschung in Wissenschaft und Kunst
Herausgeber*innenschaft
Gerald Bast, Florian Bettel, Barbara Hollendonner
Verlage
Springer-Verlag (Wien)
Sprache
Deutsch