Künstlerische Forschung


Weitere Informationen zu Projekten künstlerischer Forschung im Rahmen des PEEK-Programms des FWF finden Sie in der Projektübersicht:
Projekte künstlerischer Forschung


Parrhesia: Die riskante Handlung des Wahrsprechens

Projektleiterin: Ulrike Möntmann, PhD
Peter Weibel - Forschungsinstitut für digitale Kulturen
Laufzeit: 22.02.2021 - 21.02.2025
Austrian Science Fund (FWF): V 856 Richter-Programm (inkl. Richter-PEEK)
Ulrike Möntmanns Projekt »parrhesia: Die riskante Handlung des Wahrsprechens« wendet sich erneut einer Randgruppe zu und sucht in künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung und Praxis nach Wegen aus einer systematisch auferlegten Ohnmacht.
Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen die Lebensbedingungen inhaftierter drogenabhängiger Frauen vor und nach dem Beginn ihrer Suchterkrankung. Dass sie »als gesellschaftlich vernachlässigbares Phänomen« betrachtet werden und sich zudem selbst als prinzipiell schuldig und zu Recht inhaftiert erfahren, schmälert ihr Leiden an einem zumeist von (sexueller) Gewalt geprägten Leben auf der Straße bzw. im Gefängnis keineswegs – im Gegenteil: Aufgrund dieser strukturellen Verdammung zur buchstäblichen Sprach- und damit auch Wehrlosigkeit stellt sich die Frage, ob das öffentliche Äußern der individuellen Lebensgeschichte als emanzipatorische Handlung wirksam werden kann. Im interdisziplinären Zusammenschluss von Kunst und Wissenschaft analysiert Möntmanns genderspezifische Studie ein gesamtgesellschaftliches Phänomen aus verschiedenen Perspektiven. Um Handlungsräume und Wissenszirkulation ihrer »Outcast Registration« zu erweitern, werden die bisherigen Untersuchungsergebnisse aus Mitteleuropa in mehreren Gefängnissen auf der Nord-Süd-Achse Europas ergänzt und vertieft. 
Theoretischer Schlüsselbegriff der Studie ist Foucaults Konzeption der parrhesia, die den Mut ebenso wie die Pflicht beschreibt, die unmaskierte Wahrheit zu sagen, sich aus scheinbar ohnmächtiger Perspektive aufrichtig und freimütig gegen mächtige Individuen und herrschende Ordnungen zu positionieren mit dem Risiko, dafür sanktioniert zu werden. Parrhesia offenbart bestehende Hierarchien, hier also ausgehend von den massiv an den äußersten sozialen Rand gedrängten drogenkranken Frauen. Die Ausgangsfrage widerspricht dem gängigen Klischee, dass Junkies nichts Wesentliches zu sagen hätten. Im Gefängnis, dem isoliertesten Raum der Gesellschaft, erkennen die Teilnehmerinnen Kunst als potentiellen Handlungsraum. In ihren Biografien werden wiederkehrende Muster und kontingente Strukturen sichtbar, insbesondere die Unverhältnismäßigkeit in den Konsequenzen der von und an ihnen begangenen Straftaten. 
Die Kunst wird somit zur sozialpolitischen Vermittlungsinstanz und durch den Einsatz ästhetischer Medien zum Instrument öffentlicher Sichtbarkeit. Künstlerischer Zugriff und empirische Forschung erweisen sich dabei als interdisziplinär anwendbare und komplementär wirksame Untersuchungsmethoden. Im Rahmen neu geknüpfter Kooperationen mit Forschungsinstituten in den Ländern zukünftiger Projektausführungen entsteht ein großräumiges Netzwerk, dessen Expertise die künstlerisch-wissenschaftliche Forschung zu sozialpolitischen Interventionsmöglichkeiten langfristig befördern und bereichern wird.