Wissenschaftliche Forschung

Cinesonisch Situieren

Projektleiterin: Kristina Pia Hofer
Institut für Bildende und Mediale Kunst
Austrian Science Fund (FWF): V 770 Richter-Programm (inkl. Richter-PEEK)
Die Idee, was Kino ausmacht, ist gegenwärtig im Wandel begriffen. Filmschaffende produzieren zunehmend für Galerien, Museen und Clubs. Filmkonsum bedeutet nicht mehr zwangsläufig stilles Sitzen im dunklen Saal vor der großen Leinwand, sondern vermehrt auch ortsunabhängiges Sehen und Hören auf mobilen Geräten mit kleinem Display. Und auch Künstler*innen und Theoretiker*innen, die sich mit Film beschäftigen, denken das Medium als eines, das nicht nur den Sehsinn, auch andere Sinne wie das Hören und Tasten anspricht. Diese Verschiebungen wirken sich auch auf das theoretische Konzept des 'Cinematischen' aus, also auf die Idee dessen, welche Rezeptionssituationen, Medien, Objekte und Kunstwerke dem Kino zuordenbare Erfahrungen hervorrufen können. Kino erscheint heute als viel weniger an eine bestimmte Technologie, einen bestimmten Ort, oder eine bestimmte Institution gebunden, als es in der bisherigen Filmtheorie oft beschrieben wurde.
Mein Projekt spürt diesen Entwicklungen anhand von Filmton nach. Ich frage, wie der Eindruck des Kinohaften über Klänge entsteht, die von verschiedensten Körpern erzeugt werden: die Körper von Performer*innen und Zuseher*/hörer*innen, von Instrumenten, von Speicher- und Abspielmedien, von Produktionssoftware und -hardware, von Ausstellungssettings und Aufführungsräumen. Ich gehe dabei auf die Arbeiten von Künstler*innen ein, die Kino als ein klangliches Medium begreifen, also Kino über Ton entstehen lassen: zum Beispiel über musikalische Performances, die ohne Bilder auskommen, oder über das Spiel mit üblicherweise unsichtbaren filmischen Stilmitteln wie dem Voiceover. Besonders interessieren mich dabei Arbeiten, die ich 'cinesonische Performances' nenne: also künstlerische Projekte, die kinohaftes Empfinden durch Live-Ton hervorrufen wollen. Viele der besprochenen Arbeiten, wie zum Beispiel die DJ-Sets von Camilla Sørensen und Greta Christensen oder die Multimedia-Stücke von Grada Kilomba, setzen sich mit dem Zusammenwirken von menschlichen Körpern und Technologien auseinander. Damit bringen sie Fragen auf, denen die gegenwärtige Filmforschung noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenkt: Welche Komponenten eines Werks, einer Performance, eines Screenings generiert überhaupt die Materialität des Filmtons, und mit welchen theoretischen Begriffen können diese Komponenten und Materialitäten gefasst werden? Wie tragen bestimmte Charakteristika eines Klangereignisses - zum Beispiel seine Lautstärke oder der dazugehörige ADSR-Envelope - dazu bei, dass ein Film eine Geschichte auf eine bestimmte Art erzählt? Wie unterschiedlich wirken kinohafte Klänge in unterschiedlichen lokalen und technischen Setups – im Kinosaal und im Museum, im Archiv und im Club, als Projektion und als File auf einer Streaming-Plattform? Und wie kommt es, dass verschiedene Zuseher*/hörer*innen den selben Klängen ganz unterschiedliche Bedeutung zumessen können?