| PDF erstellen |
Kunstvolle Wissenschaft II
Ort und Zeit
Personen: Die Lehrveranstaltung wird gemeinsam mit Mag. art. Alexander Martinz abgehalten!
Ort: Kleiner Seminarraum, Abteilung für Kunst- und Kultursoziologie (Neubau, Erdgeschoss)
Zeit: montags, von 14.00 bis 15.30, Beginn: 12. März 2012
Termine: 12.3., 19.3., 26.3., 16.4., 23.4., 30.4., 7.5., 14.5., 21.5., 29.5., 4.6., 11.6., 18.6., 25.6.
Anmerkungen
Ergänzend zur Vorlesung wird im Anschluß die gleichnamige Übung angeboten. (Siehe die Ankündigung dazu).
Prüfungsmodalitäten
Referat, regelmäßige Teilnahme an der Lehrveranstaltung sowie Beteiligung an der Diskussion der vorgestellten Texte und Inhalte.
Themenstellung der Lehrveranstaltung
DOPPELGÄNGER
Das Unheimliche in den digitalen Medien – Teil zwei
Medien erzeugen ihre Ausdehnungen mit den Mitteln der Fiktion – imaginierte Gesichter, körperlose Stimmen, virtuelle Architekturen, verlebendigte Gegenstände. In diesen realen Virtualitäten handeln wir, stellen Kontakte her, knüpfen Beziehungen, treffen Entscheidungen, entwickeln Emotionen oder verausgaben uns – wirklich. Der Selbstentwurf, den wir einer medialen Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, verdankt sich ausgewählten Informationen, die fragmentarisch bleiben und sich den technischen Gegebenheiten unterwerfen. Keine konkrete Person tritt einem gegenüber, man spiegelt sich auch nicht in der unmittelbaren Aufmerksamkeit der anderen, sondern in der Kondition eigener technischer Infrastruktur. Personen zerfallen in ihre Aufzeichnungen, in speicheroptimierte und softwarekompatible Mitteilungen und Fotografien, die sich leicht downloaden lassen, in heruntergerechnete Videos und Stimmen, deren akustischer Umfang auch nicht detaillierter als nötig übertragen wird. Individuelle Charaktere sind zu erschließen über ihre Vorlieben und Abneigungen, soziale Zugehörigkeiten lassen sich über Netzwerk und Nachfrage verfolgen. Wer sich in den medialen Raum hinausbegibt, wer dort lebt und handelt, kann nicht auf unmittelbarer Kommunikation aufbauen, kann sich nicht in der direkten Wahrnehmung der „relevant others“ narzisstisch wiederfinden. Vielmehr projizieren wir Fragmente unseres Ichs in einen technologischen Kosmos, spalten es regelrecht ab und pflegen sein virtuelles Überleben und zugleich das unbewusste Vertrauen in die eigene Unsterblichkeit. So können wir uns gewissermaßen selbst begegnen, wobei sich unsere selbst erzeugten Doppelgänger schon längst von unserem eigenen und vertrauten Spiegelbild unterscheiden und verselbstständigt haben. Wir sind mit Stellvertretern konfrontiert, die uns vertraut und dabei dennoch fremd geworden sind, die wir wohl kennen und doch haben sie nie zuvor so ausgesehen. Die medialen Doppelgänger sind bloß die Erscheinung technisch definierter Bedingungen, sie dokumentieren weder Wahrhaftigkeit noch Authentizität und begegnen uns in den Masken unheimlicher Wiedergänger, die möglicherweise Geheimnisse preisgeben, Intimes offenlegen, Obsessionen, andere verborgene Wünsche oder Ängste enthüllen mögen oder uns auf einige Grundfunktionen maschinengleich reduzieren. Heimliches soll verborgen bleiben und doch ist unser Bedürfnis nach Kommunikation auch von dem tiefen Wunsch getragen, umfassend erkannt, wahrgenommen und verstanden werden zu wollen.
In diesen Doppelgängern findet sich auch die verdrängte Angst vor der Wiederkehr der Toten wieder, die nicht endgültig verschwinden. Die nicht begrenzbaren Orte unserer Vorstellung lassen Raum für die Geister und Wiedergänger, die uns gleichsam als verdrängte Vorboten des Todes heimsuchen. Diese Geister erschrecken nicht als ewig Untote in Leintüchern oder herabhängenden Fleischfetzen, auf nächtlichen Friedhöfen oder entlegenen Herrensitzen. Ihre Schatten und Schemen begegnen uns vielmehr in den Lücken und der Leere heimeliger Umgebungen, in deren reale Koordinaten wir uns vor dem Netz zurückziehen und von deren sicheren Terrains aus wir zu agieren vermeinen.
























